Dr. Bona Malwal: Wann gibt es Frieden im Südsudan?

Vortrag anlässlich des Sudantages 2016 im Kloster Himmerod

Dr. Bona Malwal, 1959 geboren, ist ein sudanesischer Journalist, Politologe und Autor zahlreicher politisch-historischer Schriften mit dem Fokus Sudan.

Als Berater der sudanesischen Regierung begleitete und gestaltete er den Prozess vom Waffenstillstand nach dem Bürgerkrieg bis zur Staatsgründung der Republik Südsudan im Jahre 2011 mit.

Der ehemalige Diplomat Bona Mawal ist academic visitor am St Antony’s College der University of Oxford.


Die Gastgeber dieser Veranstaltung haben mich eingeladen, einen Vortrag zu halten. Ihre Frage an mich ist: „Wann darf die Welt Frieden im Südsudan erwarten?“ Es wäre vermessen, davon auszugehen, dass ich auf diese Frage eine klare Antwort haben kann. Alles, was ich hier einbringen kann, sind meine Hoffnungen für einen künftigen Frieden im Südsudan.

Der Südsudan ist die jüngste Nation der Welt, ein Land, das sich über einen so langen Zeitraum in einem Zustand der Wirren und Unruhen befindet, nicht erst jetzt als eine Nation. Natürlich ist der Südsudan ein junges Land – die jüngste Nation der Welt. So können seine Probleme nicht als eine Folge jener Turbulenzen betrachtet werden, die bereits weltweit bestehen.

Vor diesem Hintergrund ist es mehr als begrüßenswert, dass Humanisten über die ganze Welt, so wie Sie hier, zusammenkommen und ihrer Sorge über die anhaltende Tragödie der Menschen im Südsudan, ganz besonders der Zivilbevölkerung, Ausdruck verleihen.

Als Südsudanese verstehe ich, warum Sie hier auf dieser Konferenz so besorgt sind angesichts der Notlage der Menschen im Südsudan. Ich weiß, und ich kann sehen, dass Sie sich fragen, warum Führungspersönlichkeiten im Südsudan, jene, die den Südsudan heute regieren, scheinbar nicht so angesichts der Misere ihrer eigenen Landsleute fühlen, wie es die meisten von Ihnen, die sich hier versammelt haben, tun.

Lassen Sie mich damit beginnen, Ihnen einige Hintergrundinformationen darüber zu geben, wie sich die südsudanesische Zivilgesellschaft zusammensetzt. Dabei geht es um die ethnische Komposition der Gesellschaft und ihre kulturellen Unterschiede. Insgesamt besteht der Südsudan aus mindestens 64 ethnischen Gemeinschaften.

Meine eigene Zählung bewegt sich darüber hinaus. Beispielsweise ist es nicht korrekt, die Bevölkerungsgruppen der Fertit in West Bahr al-Ghazal als eine Gemeinschaft zu definieren. Es sind verschiedene Gruppen, welche die Fertit von West Bhar al-Ghazal ausmachen.

Als Europäer sind Ihnen diese ethnischen Gemeinschaften Afrikas eher als „Stämme“ geläufig. Tribalismus ist ein abwertender, europäischer Begriff, der wesentlich durch den europäischen Kolonialismus in weiten Teilen Afrikas eingeführt wurde, aber auch eine Terminologie, die sich in anderen Worten durch die Beschreibung nativer Populationen als „Dritte Welt“ wiederfindet.

Der abwertend verwendete Begriff des Stammes ist etwas, womit europäische Kolonisten die meisten Völker jener Dritten Welt beschreiben. Der Begriff „Stamm“ wurde von den Europäern verwendet, um sich mit ihren eigenen europäischen Volksgruppen als Nationen von jenen sogenannten Stämmen der sogenannten Entwicklungsländer abzugrenzen.