Pater Stephans Reise in den Südsudan 2017

Anekdoten, Reiselerlebnisse berichten, Skizzen entwerfen, von fremden Länder und Menschen erzählen, kann spannend sein. Es gibt aber eine Art von Erfahrungen, die eher am Rand, beinahe im Untergrund hängenbleiben und kaum mitteilbar sind.

Wenn ich drei Wochen zurückblicke, denke ich zunächst an Wege, Pisten, endlose Autotouren, Flugrouten auf schmalen Sitzen, aber auch herzliches Willkommen bei Joseph in Loki an der Grenze zwischen Kenia und Südsudan, an Patrick in Juba, der Hauptstadt des Südsudan, an Pater Bernhard von den Combomi-Missionaren, der mir zwischenzeitlich ein angenehmes Zuhause bot.

Die erste Woche – mit meiner Reisebegleiterin Gabriele – war dem Versuch gewidmet, die Schülerinnen und Schüler von Boma, nahe der äthiopischen Grenze, meinem frühesten Standort 1997, zu treffen und ihr Schulleben im Schulzentrum in Narus organisieren helfen. Ähnliches in Kitale, einer Großstadt Kenias, Höhepunkt unseres mit Studenten und Katecheten ein richtiges Hotel mit Schwimmbad, das aber ungenutzt blieb. Mit Gabis exzellenter Hilfe gelang manches.

In der zweiten Reisewoche dominierten Hitze – bis zu 50 Grad -, Korruption beim Kauf von Visa und Tickets in Juba, stundenlanges Warten auf behördliche Entscheidungen, Schmiergelder, um überhaupt etwas zu erreichen, Lauern auf Starts im Flugplatzgelände: angeblicher Motorschaden der Antonov, des größten Transportflugzeuges überhaupt – sonst gebräuchlich seit 20 Jahren als Bomber mit Splitterbomben gegen die Bevölkerung in den Nubabergen mit Tausenden von Opfern, Zigtausenden.

Drei Stunden später erneute Flugabsage wegen angeblichen Unwohlseins des Piloten, schließlich am Freitag zwischen Maschinen, Gepäck, kinderreichen Familien und 20, 30 Soldaten aufeinander und übereinander Ankunft in ZIda, 75.000 Flüchtlinge aus den Nubabergen auf der Flucht vor Krieg und Hunger. Neue kommen hinzu, andere kehren zurück in die bedrängte Heimat, wir brauchen elf Stunden im AUto, Lastwagen mit Hilfsgütern für das Hospital in Gidel.

Trotz des nur dreitägigen Aufenthaltes – drei gute Tage. Beim ersten Anblick der Felsenberge kamen mir die Tränen: „Endlich wieder zuhause!“ Am nächsten Tag ein faszinierender Gottesdienst in der neuen, überfüllten Kirche. „Ashes“: Das Aschenkreuz zu Beginn, ein Mitbruder übersetzte und erklärte. Englisch ist nicht für alle verstehbar, aber alle Kinder lernen es mit gutem Erfolg.

Am nächsten Tag vier Schulen und Seminare. 300 Kinder angetreten zum Morgengruß und zu meiner Begrüßung, dann Klassenbesuche und zur nächsten Schule in Kauda, Hauptort des Widerstandes gegen den aggressiven Staat Sudan des Mörderpräsidenten Baschir. Nachmittags bin ich eingeladen bei der Gattin des Chefarztes der Klinik in Gidel, Dr. Tom, täglich erwarten sie ihr erstes Kind.

Am nächsten Morgen um 4 Uhr wieder im Aufbruch nach Zida, diesmal nur sechs Stunden unterwegs. In Zida erlebe ich den neuen Bischof von El Obeid, Nachfolger unseres Freundes Bischof Macram Max Gassis. Wir kannten uns vom Hörensagen. Spannend, was ein Bischof trotz aller Verfolgung zustande bringt, ein Lehrstück für jeden, der von Christenverfolgung spricht: kein Bischof, der etwa wie im Südsudan mit der herrschenden Junta zusammenarbeitet.

Kirche vor Ort ist dieses Jahr meine besondere Erfahrung. Sieben riesige Flüchtlingslager – Kakuma I-V in Kenia, zwei rund um Zida, die „camps of refugees“ um Juba, die Überfälle von Soldaten auf Überlandbusse und Camps: Frauen und Mädchen werden in den Busch gezerrt oder gleich vergewaltigt, Jungen werden bestialisch gequält, nachts wagt sich niemand mehr auf die Straße.

Chinesen mit riesigem Einfluss errichten insgeheim Fabriken, niemand weiß, was dort produziert wird. Die Arbeiter sind chinesische Häftlinge, alle Stellen vom Stamm der Dinka besetzt, der Präsident unterschreibt Verträge im Trunk, Katholik ist er auch.

7,5 Millionen Menschen im Südsudan brauchen Nahrungshilfe. Doch die Regierung des Südsudan erschwert, verunmöglicht den NGO’s, den regierungsunabhängigen Hilfsorganisationen, die an den Grenzen wartende Hilfe. Sie erhöht den Preis für Arbeitsvisa von 100 – 300 $ auf bis zu 10.000 $.

Wieder heimgekehrt: dankbar mit Ihrer, Eurer Hilfe für die Initiative Sudan / Südsudan helfen zu dürfen, Begegnungen, Austausch mit den Menschen, den Jungen und Mädchen. Einfach begegnen mit Kirche, die oft anders ist als die hiesige, das Erleben der Passion Jesu im und am Menschen – immer handgreiflicher. Dankbar bin ich, davon eine Ahnung bekommen zu haben.

Pater Stephan Reimund Senge, Abtei Himmerod, März 2017

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